Rosenmeer

Wo führt es uns hin? Wieviele Sintfluten werden wir noch überstehen müssen, bevor es ein Erwachen gibt?

Wir wurden und werden gerade wirklich mit allen Wassern gewaschen und es lässt manche Menschen rückbesinnen darauf, was ihnen wirklich wichtig ist: Familie, Freunde, Zeit, Natur, Freiheit, Freizeit, Gemeinschaft, Austausch, Musik, Kunst, Sport, Reisen etc.

Für mich selbst sind es die vielfältigen Wege um Yoga und Achtsamkeit zu praktizieren und dabei immer wieder bei mir selbst zu bleiben und ganz liebevoll und freundlich zu mir und anderen zu sein, wenn rundherum wieder einmal der Sturm des Lebens tobt.

So fiel mir kürzlich das wunderbare Gedicht von Hilde Domin in die Hände Als ob sie es erst kürzlich geschrieben hätte, traf es mein Empfinden perfekt auf den Punkt.

Worauf es ankommt? Dass wir aus jedem Sturm, aus jeder wilden Zeit immer wieder ein kleines Stück ‚ganzer‘, also heiler, herauskommen und ein bisschen mehr bei uns selbst angekommen sind.

Wer auch immer die Taube sein wird, welche dir die Nachricht verkündet, dass die nächste Sintflut vorbei ist – möge sie uns allen Frieden und Glück bringen!

Bitte

Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen
wir werden durchnäßt
bis auf die Herzhaut.

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze 
taugt nicht,
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch verschont zu bleiben 
taugt nicht.

Es taugt die Bitte,
daß bei Sonnenaufgang die Taube 
den Zweig vom Ölbaum bringe,
daß die Frucht so bunt wie die Blüte sei,
daß noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden.

Und daß wir aus der Flut,
daß wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler 
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.

Hilde Domin (1909 – 2006)

Aus: Hilde Domin, Gesammelte Gedichte. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1987